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Temperaturen unter 911 Grad Fahrenheit - Kino Zürich

Author: Yonas Filmon
by Yonas Filmon
Posted: Nov 05, 2014
Sorry, ausverkauft», steht seit Donnerstag unter dem Filmplakat in einem Kino Zürich, das für die Deutschschweizer Vorpremiere des Michael-Moore-Films «Fahrenheit 9/11» wirbt. Das bekommt auch Johannes Weibel aus Roggliswil zu spüren. Er hat sich erst am Nachmittag für den Sommerkino-Besuch entschieden und steht nun vor geschlossenen Kassen. «Schade.» Er habe schon Moores letzten Film gesehen und ihm gefalle seine leicht übertriebene Art Fakten aufzudecken, die sonst unter dem Teppich bleiben würden. Doch leider bleibt dem 23-Jährigen nichts anderes übrig, als ins Luzerner Hinterland zurückzufahren.

Besser geht es denen, die sich schon früh um ein Ticket in einem Kino Zürich für «Fahrenheit 9/11» gekümmert haben. Doch selbst dies ist kein Garant für einen guten Platz, wie Michael Lanz an der Eingangskontrolle bestätigt. «Die ersten Zuschauer kamen schon um 18 Uhr, um ihren Sitzplatz zu reservieren.» Um 20 Uhr, anderthalb Stunden vor Filmbeginn, sind fast alle der 800 Sitze reserviert. Namensschilder, Kleidungsstücke oder Wolldecken markieren das jeweilige Territorium der Kinogänger, die währenddessen noch an einem Langenthaler-Spiess knabbern und ein kühles Hasli-Bier geniessen.

Unter den zahlreichen Wartenden ist auch Fritz Grunder aus Wynau. «Ich habe bereits ein Buch von Michael Moore gelesen und wollte die Gelegenheit nutzen, mir den neuen Film anzusehen.» Er erwarte einen sozialkritischen Film mit satirischem Ansatz. Vom amtierenden US-Präsidenten Bush hält der 80-jährige Rentner «wenig, oder besser gesagt gar nichts».

Hoffentlich fängt es nicht an zu regnen», lautete der Chor der Zuschauer, die mit einem unguten Gefühl nach oben blicken. Die Temperatur ist von 911 Grad Fahrenheit weit entfernt und kurz vor Beginn des Films überziehen dunkle Wolken den Nachthimmel. Fast zeitgleich mit dem Start des Films fängt es heftig zu regnen an. Doch das tapfere Sommerkino-Publikum scheint sich einiges gewöhnt zu sein und die meisten harren _ bewaffnet mit Regenschutz und Schirmen _ im strömenden Regen aus.

Moore tut in seinem neuesten Werk, was er am besten kann: provozieren. Als Mittel dazu benutzt er Bilder, die den amerikanischen Bürgern von CNN und FOX meistens vorenthalten wurden. So erfährt man in «Fahrenheit 9/11» beispielsweise von der musikalischen Ader des Justizministers John Ashcroft, der eine selbst komponierte Lobeshymne auf sein Heimatland zum Besten gibt. Ein weiterer Lacher ist eine unvorteilhafte Aufnahme von Verteidigungsminister Paul Wolfowitz, der sich mit seinem eigenen Speichel die Haare zurechtrückt. Eher verstörend wirken hingegen die Bilder verbrannter irakischen Kinder und toter US-Soldaten.

Ich bin gerade etwas sprachlos», meint die 50-jährige Margrit Cavin aus Aarwangen nach der Vorstellung. «Natürlich muss man sich auch die Frage stellen, ob das vom Film präsentierte Bild der USA nicht ein wenig überzeichnet ist?» Sicher zeige «Fahrenheit 9/11» die allgemeine politische Meinung der meisten Europäer. Dass sich die Amerikaner davon umstimmen lassen und gegen Bush stimmen werden, bezweifelt Cavin. «Ich denke, dass die US-Wahlen auch dieses Mal sehr knapp ausgehen werden.» Dies nicht zuletzt, weil Bushs Gegner, in ihren Augen, ein farbloser Typ sei.

Das die Deutschschweizer Vorpremiere von Michael Moores neuestem Streich ausgerechnet in Langenthal stattfindet, ist dem Zufall zu verdanken. «Es haben verschiedene Umstände mitgespielt und schliesslich hat es hat sich so ergeben», kommentiert Philippe Stucki von Frenetic Films, dem in der Schweiz für «Fahrenheit 9/11» zuständigen Filmverleih. Es seien auch andere Städte im Gespräch gewesen, doch als man eine endgültige Auswahl treffen wollte, war nur noch Langenthal übrig. Wer die Vorpremiere verpasst hat, muss nicht mehr lange warten. Am 12. August startet der Film des übergewichtigen Filmemachers in rund 30 weiteren Deutschschweizer Kinos. Im November wird sich zeigen, ob Michael Moores Attacke auf die Bush-Administration Wirkung zeigt.

Tapferes Publikum Der einsetzende Regen bringt nur wenige der Zuschauer dazu, ihren lange im Voraus reservierten Sitzplatz aufzugeben.

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Yonas Filmon

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