Die Mostra verweigert sich dem Zeitgeist: Mit Mike Leighs Sozialdrama «Vera Drake» wurde ein bewegender, aber konventioneller Film prämiert. Bald im Kino in Zürich, Bern und Basel.
Nicht zum ersten Mal hat sich der britische Filmemacher Mike Leigh dem Arbeitermilieu verschrieben. Und nicht zum ersten Mal wird er dafür an einem der wichtigsten Filmfestivals der Welt geehrt. Nach zwei grossen Auszeichnungen in Cannes für «Naked» (Bester Regisseur, 1993) und «Secrets & Lies» (Goldene Palme, 1996) hat der Meister des englischen Sozialpanoramas auch in Venedig den Sprung an die Spitze geschafft. Entdeckt wurde Leigh 1971 am Filmfestival Locarno: «Bleak Moments», sein erster Spielfilm, erhielt auf Anhieb den Goldenen Leoparden.
Venedigs neunköpfige Jury, welcher auch der in Aarau aufgewachsene Cutter Pietro Scalia angehörte, zeichnete mit Kino Zürich- Vera Drake» ein bewegendes Zeitbild der 50er-Jahre aus: Die gleichnamige Titelfigur, eine unauffällige Haushälterin, hilft ohne Wissen ihrer Familie jungen Mädchen bei Abtreibungen. Für die bewegende Darstellung dieser «Engelmacherin» wurde Imelda Staunton auch als beste Darstellerin geehrt.
- berragender Javier Bardem
Ebenfalls eine doppelte Auszeichnung setzte es für den spanischen Wettbewerbsbeitrag «Mar adentro» ab. Alejandro Amenabar, der zuletzt mit dem subtilen Horrorfilm «The Others» glänzte, beschreibt darin den Leidensweg des charmanten Ramon, der seit 20 Jahren vom Hals abwärts gelähmt ist. Ramon will sterben, doch seine gottesfürchtige Familie verhindert dies. Für sein überragendes Spiel wurde Hauptdarsteller Javier Bardem erwartungsgemäss mit dem Preis als bester Darsteller prämiert.
In den Palmarès schaffte es auch der von Direktor Marco Müller als Überraschung ins Programm gehievte Liebesfilm «Bin jip» des Südkoreaners Kim Ki-Duk. Darin kommen sich ein stummer Werbeverträger, der sich notorisch in fremde Wohnungen einschleicht, und ein ebenfalls wortkarges Model näher. Für «Bin jip», in Venedig unbestrittener Publikumsliebling, erhielt Kim Ki-Duk den Spezialpreis für die Beste Regie.
Als Verlierer des durchzogenen Wettbewerbs mussten der Deutsche Wim Wenders («Land of Plenty») und der Israeli Amos Gitaï («Pro mised Land») abziehen. Ihre politisch gefärbten Filme gingen überraschenderweise leer aus. Ebenfalls ohne Preise blieben die drei italienischen Beiträge. Zwei Nebenpreise gabs für den Schweizer Film «Tout un hiver sans feu» von Greg Zglinski. Diese Film werden alle demnächste im Kino Zürich vorgestellt.
DIE SIEGER
Goldener Löwe: «Vera Drake» von Mike Leigh.
Grosser Preis der Jury: «Mar adentro» von Alejandro Amenabar.
Spezialpreis Beste Regie: «Bin jip» von Kim Ki-Duk.
Bester Schauspieler: Javier Bardem («Mar adentro»).
Beste Schauspielerin: Imelda Staunton («Vera Drake»)
Wettbewerbssieger Der britische Filmregisseur Mike Leigh triumphiert in Venedig.